Mobility Shift: Designing Relationships

„The New New“: Unter diesem Motto hat die Söllner Communications AG Ende September zum Salongespräch in den Steinway & Sons Showroom am Maximiliansplatz gebeten und Tina Heindel und Clemens Wolf für geladene Gäste in die Glaskugel schauen lassen. Welche Prognosen der Vergangenheit sind im Verlauf zweier pandemischer Jahre von der Wirklichkeit überholt worden? Was sind die Trends, die sich aus dem Beschleunigungs-Entschleunigungs-Paradoxon für Arbeitswelt und Gesellschaft ergeben? Und worauf muss unser Blick sich richten, wenn wir aus der rasanten Entwicklung auch für die Zukunft lernen wollen?

Tina Heindel
Tina Heindel
Trendexpertin und Forecaster bei Söllner Communications
Tina Heindel lud die Gäste mit Blick auf Fragen von Web- und Arbeitsplatz-Design zu einer ungewöhnlichen Perspektive ein: Auf unseren urbanen Raum, dessen Entwicklung faszinierende Rückschlüsse auf künftige Arbeits- und Webdesignwelt(en) zulässt

Small World(s)

Denn vor allem hier sind die großen Verwerfungen der Pandemie besonders deutlich zutage getreten. Das langsame Sterben der Innenstädte – schon vor Corona eine unumkehrbar scheinende Entwicklung – hat im Zuge von Lockdowns, Ausgangsbeschränkungen und Ladenschließungen eine exponentielle Beschleunigung erfahren. Parallel zur Digitalisierung, die paradoxerweise unseren (virtuellen) Handlungsradius in dem Maße vergrößert hat, in dem unsere Bewegungsmöglichkeiten eingeschränkt wurden. Statt Reisen, Pendeln und Arbeitswegen dominiert (aktuell) noch das, was als Alltagsradius im Regelfall in wenigen Minuten von Zuhause aus erreichbar ist. Eine Rückkehr ins Regionale und Lokale, die in einer Welt globaler Herausforderungen Sicherheit und Geborgenheit suggeriert. Trotzdem: Aus der Not geboren, verbirgt sich in der vermeintlichen Begrenzung eine Vision, wie sie beispielsweise in Paris von Bürgermeisterin Anne Hidalgo aktiv vorangetrieben wird: Die Stadt der 15 Minuten (Ville du quart d’heure).

Relationship-Building

Die Idee dahinter: Vom jeweiligen Wohnort ist all das, was man für seine Alltagsbewältigung braucht, lediglich 15 Minuten per Fuß oder Fahrrad entfernt: Wohnen, Arbeiten, Bildung, Freizeit und Einkauf finden sich hier eingebettet in ein Umfeld, in dem das Viertel idealerweise zum verkehrsberuhigten Treffpunkt mit hoher Luft- und Lebensqualität wird. Paradoxerweise könnte genau das Innenstadtsterben bzw. das Ende zahlreicher Geschäfte und Kaufhäuser genau diesen Trend weiter beschleunigen. Zumindest dann, wenn Städteplaner den freiwerdenden Raum für Begrünungs- und Relokalisierungsprojekte insbesondere kleinerer Betriebe und Einrichtungen zu nutzen beginnen. Dann nämlich bietet der Rückzug auf das unmittelbare Umfeld die Chance, dem Menschen das zu ermöglichen, was im Zuge der Globalisierung in Vergessenheit zu geraten schien: Interaktion und der Aufbau von Beziehungen untereinander. Oder, wie es Architektin Jeanne Gang umschreibt: „Architects don’t design buildings. What they really design are relationships. Because cities are about people.“

Mobility Shift: Designing Relationships

Web-Architecture

Parallel dazu verändern sich auch die digitalen Räume. Das Internet als sozialer Raum wird von uns längst nicht mehr nur zur Freizeitgestaltung, sondern auch zum Arbeiten genutzt. Was nicht nur Auswirkungen auf die Gestaltung der hybriden Arbeitsplätze von Morgen hat, sondern auch ganz neue Anforderungen an das Webdesign der Zukunft stellt. Wie im Städtebau wollen auch hier die Räume so gestaltet sein, dass die Gemeinschaft einfacher zueinander findet. Neben den rein kreativen äußerlichen Aspekten rücken deshalb Fragen nach sozialen und interdisziplinären Funktionen in den Mittelpunkt des Gestaltungsprozesses. Analog zur von Hidalgo vorgestellten Stadt der 15 Minuten muss hier das „Web du quart d’heure“ gedacht werden. Als virtueller Raum, den von unserem architektonischen Umfeld nur wenig unterscheidet. Denn wie der urbane Raum sind auch Webseiten von Natur aus öffentlich. Als erbaute Realitäten, die das Zusammenleben prägen, die bewohnt werden und die zur Interaktion und Kommunikation einladen. Kurz: Auch Webdesign ist Architektur (Malte Müller). Und wie beim Bau von Gebäuden lässt sich eine Vielzahl von Technologien und Methoden berücksichtigen, um zu einem zeitgemäßen und dauerhaft tragbaren Ergebnis zu kommen. Sogar einem Alterungsprozess sind Webseiten unterworfen. Dem sich irgendwann mit einem Neubau oder der ökonomisch meist sinnvolleren Renovierung begegnen lässt.  Und natürlich gilt auch hier die aus der Architektur abgeleitete Bedeutung für unser Zusammenleben: Denn wenn es dort um Menschen und ihre Beziehungen geht, dann lässt sich dieser Schluss auch hier ziehen: Wer Webseiten gestaltet, gestaltet auch, wie unsere globale Gesellschaft interagiert.

Office-Space(s)

Was das alles mit unserem Arbeitsplatz zu tun hat? Auch den haben die meisten in der jüngeren Vergangenheit wahrscheinlich ebenso wenig zu Gesicht bekommen, wie die Innenstädte. Und während das Innenstadtsterben Räume schafft, die zu Umgestaltung, Relokalisierung und Gemeinschaft einladen, ermöglicht der Wegfall fixierter Arbeitsplätze ein vergleichbares Umdenken im Officeraum. Gerade bei hybriden Arbeitsplatzmodellen, die Büropräsenz nur noch in reduziertem Maß erforderlich machen, muss sich das Büro als Identifikationsraum und Gemeinschaft stiftendes Zentrum neu erfinden. Wie im urbanen und im digitalen Raum muss auch hier der Mensch in den Mittelpunkt rücken. Der Arbeitsplatz wird zur Schnittstelle zwischen öffentlich und privat, zwischen Off- und Online. Zum Ort, an dem analoges und digitales Leben einander begegnen und so zum Spiegelbild einer gesamtgesellschaftlichen Entwicklung werden.

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